Beschneidungsdebatte: „Von Anfang an klar erkennbare Position der Vernunft, die sich am Ende auch durchsetzt.“

Wolfgang Herrndorf ist ein deutscher Künstler – ursprünglich Maler, inzwischen als Schriftsteller bekannt: „Ich habe am Ende nur noch Comics gemacht. Bei denen wurden dann irgendwann die Bilder immer kleiner und der Text immer größer, und irgendwann gab es überhaupt keine Bilder mehr.“  Traurige Ironie des Schicksals: Nachdem der Erfolg Jahrzehnte auf sich warten ließ, kam Herrndorfs großer Durchbruch mit dem Roman Tschick erst, nachdem er die Diagnose hatte, an einem unheilbaren Hirntumor erkrankt zu sein.

Seine Bücher habe ich ehrlich gesagt noch immer nicht gelesen. Seine Illustrationen gesehen zu haben, kann ich mich zumindest bewusst nicht erinnern. Aber durch Zufall bin ich auf sein Blog gestoßen, das er nach seiner Diagnose angelegt hat. Herrndorf ist niemand, der sich irgendwelchen Illusionen und Hoffnungen hingibt; für Menschen, darunter auch Ärzte, die sich mit alternativmedizinischen Anregungen an ihn wenden, hat er nur Verachtung übrig („Hier bittet gleich der nächste um Entzug der Approbation“). Mit einer stoischen Haltung, die an Christoper Hitchens oder Primo Levi erinnert, beschreibt Herrdorf den Alltag seines ihm verbleibenden Lebens in schonungsloser Nüchternheit:Man kann nicht leben ohne Hoffnung, schrieb ich hier vor einiger Zeit, ich habe mich geirrt. Es macht nur nicht so viel Spaß.“

Erwartungsgemäß über lange Strecken deprimierend, enthält das Tagebuch doch hin und wieder auf seltsame Weise optimistisch machende Stellen,  wie etwa diese vom 27.07.2012:

Das Unangenehme an dieser ganzen Beschneidungsdebatte schon wieder, daß es genau wie beim Frauenwahlrecht, dem Schwulenparagraphen, dem Rauchverbot, der Sterbehilfe oder der Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen eine von Anfang an klar erkennbare Position der Vernunft gibt, die sich am Ende auch durchsetzt. Was von der Querulantenfraktion Monate, Jahre oder Jahrzehnte verzögert, aber niemals verhindert werden kann. Es ist ermüdend.

Irgendwann, wenn uns (oder unserer Nachwelt) die Tatsache, dass der deutsche Bundestag Zwangsamputationen an den Genitalien männlicher Kinder noch 2012 im Namen der „Toleranz“ für sakrosankt erklärte, nur als eines von unzähligen Beispielen für die Rätsel der menschliche Vergangenheit erscheinen wird, wird man sich vielleicht an diese Worte erinnern.

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Für oder gegen Beschneidung? Kommt ganz drauf an…

Tja, Hektik und Stress bestimmen unseren Lebensalltag, wie schon die Werbung für ein Magen-Medikament schon vor Jahrzehnten wusste. Auch und gerade den eines Online-Redakteurs. Da kann einem schon mal der ein oder andere Vertipper unterlaufen, womöglich gar einer der Freud’schen Sorte.

Da ist man im medialem Hintergrundsound jahrelang mit dem Problem der Beschneidung weiblicher Genitalien konfrontiert, einem je nach Variante unvorstellbar grauenhaften Ritual, das in einigen animistisch geprägten islamischen Gesellschaften in einem Teil Afrikas noch üblich ist, aber – auch dank des Einsatzes von Rüdiger Nehberg – von islamischen Autoritäten qua Fatwa geächtet wird (Ja ja, eine Fatwa ist nicht zwangsläufig ein Todesurteil…). Nehberg verwies einfach auf Sure 95 Vers 4 (Wir haben den Menschen in schönster Gestaltung erschaffen), wonach sich jedes routinemäßige Herumschneiden eigentlich von selbst erübrigen sollte.

Obwohl die Beschneidung von Frauen also ohnehin von vornherein auf eine entfernte Region begrenzt ist, in denen die Menschen ohnehin permanent von Gewalt und Hunger bedroht sind (was sie für die Opfer wohlgemerkt nicht besser macht!), war das Thema spätestens seit dem Ausbruch der Islam-Hysterie nach dem 11. September 2001 ständig in den deutschen Medien präsent, wurde mit angstbesetzten Schlagworten wie „Terror“, „Burka“, „Parallelgesellschaften“ und „Zwangsheirat“ in eine ständig am Köcheln gehaltene Skandal-Suppe gerührt.

Dazu beigetragen hat wohl auch, dass eine Aktivistin wie Ayaan Hirsi Ali sich im Westen nicht nur vehement gegen Beschneidung in ihrer fernen Heimat aussprach – sondern gegen den Islam insgesamt in einer Weise polemisierte, die Paranoikern jeglicher Couleur in Politik und Medien wunderbar gelegen kam. So haben Ali und andere zumindest zugelassen, dass per se vollkommen legitime Anliegen des Humanismus – nämlich die Kritik an Religionen und ihren teilweise zutiefst inhumanen Praktiken wie der Genitalverstümmelung – in den Dienst einer Bewegung gestellt wurden, die ihrerseits inhuman ist und für die die Werte der Aufklärung und Toleranz nur solange gelten, wie sie sich gegen „das Fremde“ ins Feld führen lassen. Dass Ali jüngst gar ein gewisses Verständnis für Anders Breivik durchblicken ließ, rundet dieses hässliche Bild ab.

Egal also, ob man ganz rechts im Namen des Fortschritts gegen Fremde hetzt, ganz links vulgärmarxistische Religionsschelte betreibt, oder in der selbst erklärten Mitte gesamtgesellschaftliche Gemütlichkeit predigt – dass man schlicht nur dagegen sein kann, sobald das Schlagwort „Beschneidung“ auftauchte, verstand sich bisher quasi von selbst.

So erklärt sich vielleicht auch der klitzekleine Fehler, der Spiegel Online gerade bei der Berichterstattung über jene denkwürdige Bundestagsresolution (PDF) unterlaufen ist, die sich nun plötzlich und für unsere Denkgewohnheiten einigermaßen unerwartet für die Genitalbeschneidung ausspricht – jedenfalls solange davon nur, wie Renate Künast es doppelt abgesichert formulierte, „männliche Knaben“ betroffen sind. (Nachzuhören u. a. ab Minute 2:30 in Peter Zudeicks Wochenrückblick vom 21.07.2012 (MP3).)

Schauen wir uns den vielsagenden Fehler an, der sich in eine SPON-Meldung vom 19.07.2012 eingeschlichen hat und jedenfalls bis zum 22.07.2012 noch nicht korrigiert wurde:

Wie, daran fällt doch nichts weiter auf? Dann bitte einmal ganz genau hinsehen – und auf den in der Kopfleiste des Browsers erscheinenden HTML-Titel achten:

Aber vielleicht ist das auch gar kein Flüchtigkeitsfehler, sondern Absicht? Schließlich hat sich der Bundestag ja tatsächlich einerseits für und andererseits gegen die Beschneidung nicht einwilligungsfähiger Säuglinge und Kleinkinder ausgesprochen: Die „Beschneidung männlicher Kinder“ sei nun mal „nicht vergleichbar“ mit der weiblichen Beschneidung „Genitalverstümmlung, die der Deutsche Bundestag verurteilt.“

Sicher haben die Abgeordneten aber eine nachvollziehbare Begründung für diese Nicht-Vergleichbarkeit? Klar haben sie die: Die Beschneidung von Jungen werde nun mal „weltweit sozial akzeptiert“, während die von Mädchen „sittenwidrig“ sei (PDF).

Da haben die Frauen in Deutschland aber Glück, dass dieser Maßstab erst jetzt angelegt wird. Vor gar nicht allzu langer Zeit nämlich war es auch noch „weltweit sozial akzeptiert“, dass Frauen vieles nicht durften, was für Männer selbstverständlich war – etwa Hosentragen, Rauchen, Studieren, Wählen, Geld verdienen, Führungspositionen nach Quoten besetzen. Wer weiß, wie unsere Gesellschaft heute aussähe, wären „Sitten“ und „soziale Akzeptanz“ immer schon ausschlaggebende Kriterien politischer Entscheidungsfindung gewesen…

P.S.: Die „Komikernation“ – eine gute Analyse dieses Merkel-Begriffs findet sich übrigens hier – des 19. Jahrhunderts war übrigens in gewisser Weise das revolutionäre Frankreich.

Schwiegersohn-Präsident vs. Schwiegermuttermörder

Christian Wulff litt viele Jahre unter seinem Image als „idealer Schwiegersohn“. Ob er diesem Ruf tatsächlich gerecht wird, darf mittlerweile bereits die zweite Schwiegermutter überprüfen. Nachdem Informationen an die Öffentlichkeit gerieten, die ihn zumindest dem Verdacht aussetzen, Vergünstigungen als Gegenleistung für bestimmte Amtshandlungen (Kredite gegen Dienstreisenmitnahmen im Fall Geerkens, Urlaubsdomizile gegen Einsatz für die Steuerfreiheit von Lebensversicherungserträgen im Fall Baumgartl) genossen zu haben, präsentierte er gegenüber seinen wie bestellt harmlosen StichwortgeberInnen Ulrich Deppendorf und Tina Schausten eine verwegene Mischung aus Reue und Dreistigkeit. „Der Anruf bei dem Chefredakteur der Bild-Zeitung war ein schwerer Fehler, der mir leidtut, für den ich mich entschuldige.“  Da fällt wohl manchem – wie vor weniger als einem Jahr im Fall Guttenberg – eine Zeile aus einem Popsong ein: Don’t tell me you’re sorry ‚cause you’re not… I know you’re only sorry you got caught.  Was hat Wulff in seiner Exklusiv-Beichte für ARD und ZDF noch so alles erzählt? Unter anderem folgendes:

Schausten: Haben Sie in den letzten Tagen auch mal ernsthaft an Rücktritt gedacht?
Wulff: Nein. Denn ich hatte die ganzen Wochen über große Unterstützung von vielen Bürgerinnen und Bürgern, meiner Freunde und auch der Mitarbeiter. Ich nehme meine Verantwortung gerne wahr, ich habe sie für fünf Jahre übernommen. Und ich möchte nach fünf Jahren eine Bilanz vorlegen, dass ich ein guter, erfolgreicher Bundespräsident war; und ich mache das mit Freude und aus Überzeugung und weiß, dass ich nichts Unrechtes getan habe, aber nicht alles richtig war, was ich getan habe.“
Schausten: Waren Sie es bisher nicht, ein guter Bundespräsident?
Wulff: Doch, aber es wird ja im Moment gerade über die letzten Wochen gesprochen, und da steht es in Abrede und man muss am Ende nach fünf Jahren bewerten und beurteilen.“ […]
Deppendorf: Haben Sie, zusammengefasst noch mal gefragt, nicht durch Ihr Verhalten in den letzten Wochen das Amt des Bundespräsidenten schwer beschädigt?
Wulff: Das Amt des Bundespräsidenten ist aus vielerlei Gründen in Deutschland schwieriger geworden. Und durch diese Art von Umgang mit den Dingen hat man [sic] dem Amt sicher nicht gedient. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass ich [sic] durch eine ganze Reihe von Aktivitäten in der Amtszeit das Amt des Bundespräsidenten wieder gestärkt habe. Dass es eine hohe Anerkennung genießt. Ich bin geradezu überrascht, wie stark die Bürgerinnen und Bürger es von mir selbst auch erklärt, erläutert bekommen wollen und letztlich darauf setzen, dass ich Bundespräsident bleibe. Denn ich nehme meine Verantwortung wahr. Ich habe mich bewusst dafür entschieden und ich habe ein nachhaltiges Interesse an unserem Land, es voran zu bringen. Und wir brauchen auch jetzt die Kraft, und wieder um Politik zu kümmern in diesem Jahr, wenn dieses Jahr jetzt beginnt. Denn es kommen schwierige Aufgaben auf uns zu. Und da braucht es eben auch einen Bundespräsidenten, der sich diesen Aufgaben zuwenden kann.
Schausten: Heißt, dass Herr Christian Wulff ein Bundespräsident auf Bewährung vorerst bleibt?
Wulff: Die Begrifflichkeit finde ich völlig daneben. Weil wir diesen Begriff kennen, wenn gegen Gesetze verstoßen wurde. Ich habe weder jetzt im Amt als Bundespräsident gegen irgendein Gesetz verstoßen noch vorher. Es geht nicht um Rechtsverstöße, sondern es geht um die Frage von Transparenz, von Darlegung, von Erklärung. Dazu nutze ich auch diese Gelegenheit, um zu erklären, was ist und was war. Aber wie gesagt: Den Begriff der Bewährung halte ich für abwegig. Sondern ich bin jetzt schweren Herausforderungen ausgesetzt. Aber man muss eben auch wissen, dass man nicht gleich bei der ersten Herausforderung wegläuft, sondern dass man sich der Aufgabe stellt. Und auch weiß, wem es in der Küche zu heiß ist, der darf nicht Koch werden wollen. Wie es Harry S. Truman gesagt hat. Und deswegen muss man offenkundig auch durch solche Bewährungsproben hindurch.

Irgendwie erinnert das schon mehr als nur ein wenig an die Art, wie der  „Schwiergermuttermörder“ Adolf Tegtmeier einst seinen Richter zu überzeugen versuchte:


Richter: So, ich glaube, zur Person haben wir nun alles protokolliert … Also schön, wir treten dann weiter in die Hauptverhandlung ein und … eh … nun, Herr Tegtmeier, nun erzählen Sie mal, wie ist es denn dazu gekommen, daß Sie da Ihre Schwiegermutter ermordet haben?
Tegtmeier: Ja … also … ich möchte dazu gern noch eine Mitteilung machen … für dem Gericht.
Richter: Ja – wieso?
Tegtmeier: Ich möchte … eine Mitteilung machen!
Richter: Ja nu, also bitte – was denn?
Tegtmeier: Ich möchte es dem Gerichte mitteilen, daß mir meine Untat leid tut … und daß ich versuchen will, durch ein schönes Leben … woll’n ma sagen, daß ich wieder ausbügele … die Schwiegermutter, was da so passiert ist.
[…] Dann tat mir meine Untat sofort leid, und ich dachte, daß ich durch meiner Hände Arbeit … vielleicht durch ein schöneres Leben … äh … alles wieder einrenken kann.
[…]  Ja also, das Schlußwort … möchte ich es hinweisen, daß mir diese Untat sehr, sehr leid tut … und daß ich versuchen werde, durch ein schöneres Leben durch meiner Hände Arbeit … die menschliche Gesellschaft wieder … einzudringen. Und überhaupt – ich schließe mich den Ausreden meines Verteidigers an!

Analog dazu bittet Wulff allen Ernstes darum, durch eine „schöne Amtszeit“ wieder ausbügeln zu dürfen, „was da so passiert ist“ – also das mit dem Kredit und den Dienstreisen, dem Täuschen des Landtags, dem Bedrohen von Journalisten und was da sonst noch so passiert sein mag.

Fall Wulff: Rubikon überschritten, aber nicht endgültig richten und vorverurteilen (Achtung, Satire!)

Wir wollen nicht endgültig richten und vorverurteilen, bevor überhaupt die Vorgänge allesamt aufgelistet und ihnen nachgegangen worden ist. Das ist natürlich ein ernster Vorgang, der das Vertrauen in Politik, in Parteien an sich auch erschüttert.

Wir wollen nicht endgültig richten und vorverurteilen, bevor überhaupt die Vorgänge allesamt aufgelistet und ihnen nachgegangen worden ist. Das ist natürlich ein ernster Vorgang, der das Vertrauen in Politik, in Parteien an sich auch erschüttert.
Was ist das Motiv für einen Ministerpräsidenten, sich sein Eigenheim von einem Schmuck- und Schrottgroßhändler sponsern zu lassen und diesen dann auf Dienstreisen mitzunehmen? Was ist das Motiv, dieses dann vor dem Landtag mit an Lüge grenzender Spitzfindigkeit zu verneinen und diesen Kredit schleunigst abzulösen – ebenfalls zu Spottkonditionen, ausgerechnet bei einer Bank, die man kurz zuvor durch sein Votum zu VW/Porsche aus der Patsche gezogen hat? Und noch etwas später, Journalisten auf dem Anrufbeantworter strafrechtliche Konsequenzen anzudrohen, sollten sie diese Informationen veröffentlichen? Ist das die Lust am gesparten Euro oder einfach politische Instinktlosigkeit? Ich glaube, es ist die völlig fehlende Distanz zu Sachen, zu Personen, zu Dingen, die man in der Politik braucht, also eine Grundsensibilität, dass man Dienstliches und Privates relativ strikt trennt, dass man fließende Übergänge mit äußerster Vorsicht behandelt.
Sie müssen ja die Beamtenfamilie sehen, die mit zweieinhalb Tausend Euro als Familie durchkommen muss und sich auch überlegen muss, wie finanzieren wir denn die Häuser und Reisen unserer Kinder und die eigenen. Wenn dann andere Einkommen wie in der Politik vorliegen, die für die Politiker, die Tag und Nacht arbeiten, sicher nicht so hoch sein müssen, dann müssen sie diese dann schon nutzen, um ihre privaten Dinge selber zu bezahlen.
Jeder Polizeibeamte, jeder Beamte eines Staatshochbauamtes, einer Vergabestelle hat natürlich gar kein Problem, Freunde aus der Wirtschaft in seinem Feld zu bekommen und beispielsweise auch Zuwendungen im Zusammenhang mit Festen, Feiern und privaten Dingen. Es darf nur eben nicht sein. Es muss jeder Eindruck von Korrumpierbarkeit schon im Ansatz verhindert werden. Es darf gar nicht erst zur Korruption kommen, sondern es muss der Anschein von Korrumpierbarkeit, von Abhängigkeiten, von Sponsoring von Politik und Politikern vermieden werden. Das ist hier alles völlig fließend, und das über Jahrzehnte in der Heimatstadt des früheren Minister- und jetzigen Bundespräsidenten mit seinem, ihm eigenen Umfeld. Das ist eine schwere Belastung, und aus dem hat er sich nie gelöst. Deswegen fehlen ihm eigentlich die Voraussetzungen – ich würde es hart formulieren wollen -, letztlich auch die Voraussetzungen für die Würde des Amtes. Er ist der falsche Mann am falschen Platz. Er hat den Rubikon überschritten. Ich leide physisch darunter, dass wir keinen unbefangenen Bundespräsidenten haben.
Ob der Rücktritt von Christian Wulff nach bisherigem Kenntnisstand noch zu verhindern ist? Ich meine, das ist nicht unsere Aufgabe, den Rücktritt zu verhindern, sondern den Rücktritt hinzunehmen, wenn er selber zu diesem Schluss kommt. Es kann natürlich sehr wohl sein, auch schon in diesen Stunden. Nur an diesen Spekulationen möchte ich mich nicht beteiligen.

Nachtrag: Besser die Wahrheit! Für diese Stellungnahme bedurfte es keiner Aufforderung, und sie gab es auch nicht.  Mein von mir verfasster Blogeintrag ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir. Er ist über etwa sieben Minuten neben meiner Berufsabgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit entstanden und enthält fraglos Fehler. Ich war ein hektischer und unkoordinierter Sammler. Immer dann, wenn ich das Gefühl hatte, dass etwas zu meinem Thema passt, habe ich es ausgeschnitten oder kopiert oder auf Datenträgern sofort gespeichert. Das war nicht gradlinig, und das tut mir leid. Dass ich auf diesen Datenträgern sowohl an eigenen Texten gearbeitet als auch fremde Texte übernommen habe. Ich wollte diese Quellen später entsprechend aufarbeiten…. Ich wusste offensichtlich später auch nicht mehr, an welchem Text ich bereits selbst gearbeitet hatte, welcher Text mein eigener und welcher Text möglicherweise ein Fremdtext war. Insbesondere in der Endphase der Arbeit lag der Schwerpunkt nicht mehr auf der notwendigen wissenschaftlichen Sorgfalt, sondern auf Inhalt und Schlüssigkeit meiner Aussagen. Ich hätte mir die wissenschaftliche Kärrnerarbeit antun müssen. So aber habe ich zu meinem aufrichtigen Bedauern die Namen „Christian Wulff“ und „Gerhard Glogowski“ verwechselt und Wulffs Äußerungen von 1999 und 2000 statt auf seine Vor-Vorgänger Glogowski bzw. Johannes Rau irrtümlich auf ihn, Wulff, selbst bezogen. Das hätte ich vermeiden können und müssen. Alle Fragen zu den Vorgängen nehme ich sehr ernst und habe deshalb für volle Offenheit im Hinblick auf die Herkunft meines Blogeintrags gesorgt. Alle Auskünfte sind erteilt worden. Ich weiß und finde es richtig, dass die Presse- und Informationsfreiheit ein hohes Gut ist in unserer freiheitlichen Gesellschaft.  Ich sehe ein, nicht alles, was juristisch rechtens ist, ist auch richtig. Es wurde allerdings zu keinem Zeitpunktbewusst getäuscht oder bewusst die Urheberschaft nicht kenntlich gemacht. Und sollte sich jemand hierdurch verletzt fühlen, so tut mir das aufrichtig leid. Ich werde mir keine anderen Maßstäbe anlegen, als ich sie bei anderen angesetzt hätte.

Nachtrag: Um zusätzliche Transparenz zu schaffen, hier weitere Inspirationsquellen.

Claus Leggewie…

… hatte vor Jahren eigentlich schon alles zur gerade wieder aufflammenden Debatte um »Integration« gesagt, die damals eher unter der ebenso diffusen Überschrift »Leitkultur« geführt wurde.
Nämlich folgendes:

[…] Migrationsforscher gingen [früher,
TM] von einer in drei Generationen abgeschlossenen Angleichung aus, doch zeigt sich heute, dass ethnische Gruppen homogene und endogame Enklaven über längere Zeiträume aufrechterhalten. Sprachinseln und religiös-kulturelle Vereine helfen ImmigrantInnen bei der (Binnen-)Integration, werden von der Mehrheit aber oft als „Parallelgesellschaften“ skandalisiert.

Der Begriff der Leitkultur […] ist ein defensiver Mobilisierungsbegriff, der oft nur einen „Herr im Hause“-Standpunkt anzeigt: „Gäste“ haben sich den Sitten und Gebräuchen der „Gastgeber“ anzupassen. Das übersieht, dass viele ImmigrantInnen Vollbürger sind (oder Mitbürger mit gefestigtem Aufenthaltsstatus). Ebenso verkannt wird, dass nichtreligiöse Gemeinwesen im Rahmen universaler Menschenrechte Minderheitenschutz und Religionsfreiheit garantieren. Nicht eine „christliche“ oder „deutsche“ Substanz kann als Leitkultur proklamiert und oktroyiert werden.

Verbindlich sind formale Prozeduren wechselseitiger Anerkennung und Toleranz. Kulturelle Vielfalt ist in politischer Gleichheit aufgehoben, das heißt: Identität kann eine kulturelle Gruppe nicht einseitig postulieren, und Integration ist eine gemeinsame bildungs-, sozial- und rechtspolitische Herausforderung.

Die Debatte um die Leitkultur spiegelt die kulturellen Widersprüche der Globalisierung. Wirtschaftlich wird globale Freizügigkeit gefordert, zugleich aber kultureller Protektionismus praktiziert. […]

http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2004/07/12/a0132 (Unterstreichungen TM)

Christian Wulff (kennt sicher nicht jeder: das ist das neue deutsche Staatsoberhaupt) hat in einer branchenüblichen Sonntagsrede ein paar knappe Worte zum Thema Islam von sich gegeben, die man eigentlich als pure Selbstverständlichkeiten abhaken sollte: »Wenn mir deutsche Musliminnen und Muslime schreiben: „Sie sind unser Präsident“ – dann antworte ich aus vollem Herzen: Ja, natürlich bin ich Ihr Präsident! Und zwar mit der Leidenschaft und Überzeugung, mit der ich der Präsident aller Menschen bin, die hier in Deutschland leben. […] [d]er Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.« Allen, die jetzt deswegen auf ihn einprügeln, sollte man Leggewies Worte hinter die Ohren tätowieren. Das gilt insbesondere für »Bild«-Macher und -Leser. Ersteren wird ja meist – und sicher nicht zu Unrecht – vorgeworfen, ihre Leserschaft mit Stammtischparolen aufzuwiegeln. In diesem Fall aber scheint der Stammtisch die Redaktion vor sich her zu treiben: Am Sonntag der Rede wurde in der Online-Ausgabe noch getitelt »Erster großer Test bestanden«; montags dann fragte man schon skeptischer »Wieviel Islam verträgt Deutschland?«, am heutigen Dienstag wird wütend inquiriert »Warum hofieren Sie den Islam so, Herr Präsident?« Denn: »Wütende Bürger schreiben an den Bundespräsidenten«… Garniert wird das ganze mit einer Umfrage, nach der nur 16% der Aussage »hier herrscht Religionsfreiheit« zustimmten , während 84% erklärten, »wir« seien »ein Land mit christlicher Kultur«, an die sich Muslime »besser anpassen« müssten.

Ganz abgesehen davon, dass die erdrückende Mehrheit dieser 84% Verteidiger des Abendlandes kaum in der Lage sein dürfte, auch nur annähernd konkret zu definieren, worin das spezifisch »Christliche« an der deutschen Kultur heute noch bestehen soll (Weihnachtsbäume? Ostereier? Glockengeläut?), seien ihnen Leggewies Worte ins Stammbuch geschrieben: »Wir« sind ein »nichtreligiöses Gemeinwesen«, das Religionsfreiheit garantiert – übrigens auch und gerade negative Religionsfreiheit. Es ist also völlig egal, ob man an Jesus, Allah, an ein Spaghettimonster oder halt – wie tatsächlich wohl die meisten – an gar nichts glaubt; alle genießen selbstverständlich die gleichen politischen Rechte. Und der Bundespräsident ist qua Verfassung ganz automatisch Oberhaupt des Staates aller Staatsbürger, ganz gleich, ob sie ihn gewählt hätten oder nicht, und egal an welchen metaphysischen Mumpitz sie glauben. Dass die Erwähnung dieser selbstverständlichen Tatsache zum Skandal stilisiert wird, ist der eigentliche Skandal.