Der »ewige Antisemit«…

Vorsicht, Herr Herden!

Im Freitag vom 31.05.2010 schreiben Sie über den israelischen Überfall auf den Gaza-Konvoi:

Was will die Regierung NetanjahuLieberman der Welt mit diesem Übergriff beweisen? Sie arbeitet entschieden daran, dass ihr Staat immer mehr verachtet und gehasst wird. […] Manchmal entsteht der Eindruck, es sitzen fanatische Antisemiten in der Regierung des Premiers Netanjahu, die Israel um jeden Preis schaden wollen.

Natürlich kann man zu kaum einen anderen Schluss kommen. Aber aussprechen, geschweige denn ausschreiben darf man das doch nicht! Das ist doch im Grunde nichts anderes als das alte Möllemann-Argument:

Ich fürchte, dass kaum jemand den Antisemiten, die es in Deutschland gibt, leider, die wir bekämpfen müssen, mehr Zulauf verschafft hat als Herr Scharon und in Deutschland ein Herr Friedman mit seiner intoleranten und gehässigen Art.

Bekanntlich hatte sich Möllemann – so eine, die es quasi von Amts wegen wissen muss – damit »als Antisemit geoutet«. Nun könnte man zu Ihrer Verteidigung anführen, dass Scharon im Vergleich zu Netanjahu eine Friedenstaube und Friedman im Vergleich zu Lieberman ein überaus sympathischer Mensch ist. Aber den Verdacht des »latenten Antisemitismus« wird man damit bestimmt nicht los

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»Islam(o)faschismus«

Zu den liebsten Methoden fremdenfeindlicher Agitatoren, von der eigenen Fremdenfeindlichkeit abzulenken oder sie zu rechtfertigen, gehört die Rhetorik vom »Islam-« bzw. »Islamofaschismus«. Wer gegen »Faschismus« ist, ist ja quasi per se liberal und fortschrittlich und setzt den Gegner automatisch ins Unrecht. Leider können die Anti-Islamisten damit an eine Tradition der weltweiten (und insbesondere der deutschen) radikalen Linken anknüpfen, die gern alles, was ihr – aus guten oder weniger guten Gründen – gerade nicht passt, als »faschistisch« abstempelt oder zumindest als »protofaschistisch« verdächtigt. Schon die Ineinssetzung von italienischem Faschismus mit deutschem Nationalsozialismus ist alles andere als unproblematisch. Durch die inflationäre Verwendung des Faschismusbegriffs ist dieser letztlich immer beliebiger geworden – was nun ausgerechnet der Rechten in die Hände spielt…  Der israelische Soziologe und Historiker Moshe Zuckermann hat dazu 2006 eigentlich alles nötige gesagt:

Das ist ein hanebüchener Ausdruck. Der islamistische Fundamentalismus hat mit Faschismus, betrachtet man die Analysen des Faschismus, die in den 60er Jahren geleistet wurden, gar nichts zu tun. Wenn wir unter Faschismus verstehen, was sich in einer bestimmten Epoche in Italien, Ungarn, Spanien, später dann als Nationalsozialismus in Deutschland in einer radikalisierten Sonderform formierte, so stellt dies etwas ganz anderes dar als die Bewegungen des radikalisierten Islam. Der Islam ist von ganz anderen Momenten angetrieben und hat ganz andere Zielsetzungen. Das hat nichts miteinander zu tun. Man muss schon den Begriff des Faschismus inhaltlich entleeren, um oberflächliche Ähnlichkeiten ausmachen zu können. Will man mit „Islamofaschismus“ nur ausdrücken, dass es sich um den Kult einer monolithischen Ideologie handelt? Dann muss man sich aber dennoch mit der Tatsache auseinandersetzen, islamische Fundamentalismus theokratisch ist, während der Faschismus tendenziell nicht- oder auch antireligiös war. Ich halte diesen Begriff für inhaltsleeres Gerede. Natürlich greifen auch einige europäische Linke das gerne auf, denn was wäre gerade für Linke attraktiver, einen Kampf gegen den „Faschismus“ führen zu können. Der Primat des Staates, wie er im historischen Faschismus eine Rolle spielte, spielt beispielsweise im islamischen Fundamentalismus eher eine untergeordnete Rolle. Oder die Figur des monolithischen „Volksgenossen“ im Nationalsozialismus ist im Islam nicht anzutreffen. Auch die Vorstellung von „Gemeinschaft“ ist im Islam ganz anders als das, was im Begriff der „Volksgemeinschaft“ anklingt.

Auch der Rest des Interviews, aus dem dieses Zitat stammt, ist überaus lesenswert.

»Existenz« vs. »Rückkehr«

Einer der 23 Leserkommentare, die erscheinen konnten, bevor die Kommentarfunktion zu einem Artikel der WELT über »Minister Edelsteins seltsame Image-Kampagne« deaktiviert wurde, lautet:

Ein Rückkehrrecht für Palästinenser ist ein Euphemismus dafür, das Existenzrecht Israels zu verneinen.

Das ist wohl richtig. Aber der Umkehrschluss ist es nicht weniger: Ein Existenzrecht für Israel ist ein Euphemismus dafür, das Rückkehrrecht für Palästinenser zu verneinen. Ist dieses nobler als jenes? Sicher keine Frage, die von einem deutschen Standpunkt aus konstruktiv beantwortet werden kann, soviel ist klar. Aber es wirft die Frage auf, ob Deutsche von Palästinensern verlangen können und dürfen, für ihre eigenen (deutschen) Verbrechen an Juden zu sühnen.