Beschneidungsdebatte: „Von Anfang an klar erkennbare Position der Vernunft, die sich am Ende auch durchsetzt.“

Wolfgang Herrndorf ist ein deutscher Künstler – ursprünglich Maler, inzwischen als Schriftsteller bekannt: „Ich habe am Ende nur noch Comics gemacht. Bei denen wurden dann irgendwann die Bilder immer kleiner und der Text immer größer, und irgendwann gab es überhaupt keine Bilder mehr.“  Traurige Ironie des Schicksals: Nachdem der Erfolg Jahrzehnte auf sich warten ließ, kam Herrndorfs großer Durchbruch mit dem Roman Tschick erst, nachdem er die Diagnose hatte, an einem unheilbaren Hirntumor erkrankt zu sein.

Seine Bücher habe ich ehrlich gesagt noch immer nicht gelesen. Seine Illustrationen gesehen zu haben, kann ich mich zumindest bewusst nicht erinnern. Aber durch Zufall bin ich auf sein Blog gestoßen, das er nach seiner Diagnose angelegt hat. Herrndorf ist niemand, der sich irgendwelchen Illusionen und Hoffnungen hingibt; für Menschen, darunter auch Ärzte, die sich mit alternativmedizinischen Anregungen an ihn wenden, hat er nur Verachtung übrig („Hier bittet gleich der nächste um Entzug der Approbation“). Mit einer stoischen Haltung, die an Christoper Hitchens oder Primo Levi erinnert, beschreibt Herrdorf den Alltag seines ihm verbleibenden Lebens in schonungsloser Nüchternheit:Man kann nicht leben ohne Hoffnung, schrieb ich hier vor einiger Zeit, ich habe mich geirrt. Es macht nur nicht so viel Spaß.“

Erwartungsgemäß über lange Strecken deprimierend, enthält das Tagebuch doch hin und wieder auf seltsame Weise optimistisch machende Stellen,  wie etwa diese vom 27.07.2012:

Das Unangenehme an dieser ganzen Beschneidungsdebatte schon wieder, daß es genau wie beim Frauenwahlrecht, dem Schwulenparagraphen, dem Rauchverbot, der Sterbehilfe oder der Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen eine von Anfang an klar erkennbare Position der Vernunft gibt, die sich am Ende auch durchsetzt. Was von der Querulantenfraktion Monate, Jahre oder Jahrzehnte verzögert, aber niemals verhindert werden kann. Es ist ermüdend.

Irgendwann, wenn uns (oder unserer Nachwelt) die Tatsache, dass der deutsche Bundestag Zwangsamputationen an den Genitalien männlicher Kinder noch 2012 im Namen der „Toleranz“ für sakrosankt erklärte, nur als eines von unzähligen Beispielen für die Rätsel der menschliche Vergangenheit erscheinen wird, wird man sich vielleicht an diese Worte erinnern.

Advertisements

Für oder gegen Beschneidung? Kommt ganz drauf an…

Tja, Hektik und Stress bestimmen unseren Lebensalltag, wie schon die Werbung für ein Magen-Medikament schon vor Jahrzehnten wusste. Auch und gerade den eines Online-Redakteurs. Da kann einem schon mal der ein oder andere Vertipper unterlaufen, womöglich gar einer der Freud’schen Sorte.

Da ist man im medialem Hintergrundsound jahrelang mit dem Problem der Beschneidung weiblicher Genitalien konfrontiert, einem je nach Variante unvorstellbar grauenhaften Ritual, das in einigen animistisch geprägten islamischen Gesellschaften in einem Teil Afrikas noch üblich ist, aber – auch dank des Einsatzes von Rüdiger Nehberg – von islamischen Autoritäten qua Fatwa geächtet wird (Ja ja, eine Fatwa ist nicht zwangsläufig ein Todesurteil…). Nehberg verwies einfach auf Sure 95 Vers 4 (Wir haben den Menschen in schönster Gestaltung erschaffen), wonach sich jedes routinemäßige Herumschneiden eigentlich von selbst erübrigen sollte.

Obwohl die Beschneidung von Frauen also ohnehin von vornherein auf eine entfernte Region begrenzt ist, in denen die Menschen ohnehin permanent von Gewalt und Hunger bedroht sind (was sie für die Opfer wohlgemerkt nicht besser macht!), war das Thema spätestens seit dem Ausbruch der Islam-Hysterie nach dem 11. September 2001 ständig in den deutschen Medien präsent, wurde mit angstbesetzten Schlagworten wie „Terror“, „Burka“, „Parallelgesellschaften“ und „Zwangsheirat“ in eine ständig am Köcheln gehaltene Skandal-Suppe gerührt.

Dazu beigetragen hat wohl auch, dass eine Aktivistin wie Ayaan Hirsi Ali sich im Westen nicht nur vehement gegen Beschneidung in ihrer fernen Heimat aussprach – sondern gegen den Islam insgesamt in einer Weise polemisierte, die Paranoikern jeglicher Couleur in Politik und Medien wunderbar gelegen kam. So haben Ali und andere zumindest zugelassen, dass per se vollkommen legitime Anliegen des Humanismus – nämlich die Kritik an Religionen und ihren teilweise zutiefst inhumanen Praktiken wie der Genitalverstümmelung – in den Dienst einer Bewegung gestellt wurden, die ihrerseits inhuman ist und für die die Werte der Aufklärung und Toleranz nur solange gelten, wie sie sich gegen „das Fremde“ ins Feld führen lassen. Dass Ali jüngst gar ein gewisses Verständnis für Anders Breivik durchblicken ließ, rundet dieses hässliche Bild ab.

Egal also, ob man ganz rechts im Namen des Fortschritts gegen Fremde hetzt, ganz links vulgärmarxistische Religionsschelte betreibt, oder in der selbst erklärten Mitte gesamtgesellschaftliche Gemütlichkeit predigt – dass man schlicht nur dagegen sein kann, sobald das Schlagwort „Beschneidung“ auftauchte, verstand sich bisher quasi von selbst.

So erklärt sich vielleicht auch der klitzekleine Fehler, der Spiegel Online gerade bei der Berichterstattung über jene denkwürdige Bundestagsresolution (PDF) unterlaufen ist, die sich nun plötzlich und für unsere Denkgewohnheiten einigermaßen unerwartet für die Genitalbeschneidung ausspricht – jedenfalls solange davon nur, wie Renate Künast es doppelt abgesichert formulierte, „männliche Knaben“ betroffen sind. (Nachzuhören u. a. ab Minute 2:30 in Peter Zudeicks Wochenrückblick vom 21.07.2012 (MP3).)

Schauen wir uns den vielsagenden Fehler an, der sich in eine SPON-Meldung vom 19.07.2012 eingeschlichen hat und jedenfalls bis zum 22.07.2012 noch nicht korrigiert wurde:

Wie, daran fällt doch nichts weiter auf? Dann bitte einmal ganz genau hinsehen – und auf den in der Kopfleiste des Browsers erscheinenden HTML-Titel achten:

Aber vielleicht ist das auch gar kein Flüchtigkeitsfehler, sondern Absicht? Schließlich hat sich der Bundestag ja tatsächlich einerseits für und andererseits gegen die Beschneidung nicht einwilligungsfähiger Säuglinge und Kleinkinder ausgesprochen: Die „Beschneidung männlicher Kinder“ sei nun mal „nicht vergleichbar“ mit der weiblichen Beschneidung „Genitalverstümmlung, die der Deutsche Bundestag verurteilt.“

Sicher haben die Abgeordneten aber eine nachvollziehbare Begründung für diese Nicht-Vergleichbarkeit? Klar haben sie die: Die Beschneidung von Jungen werde nun mal „weltweit sozial akzeptiert“, während die von Mädchen „sittenwidrig“ sei (PDF).

Da haben die Frauen in Deutschland aber Glück, dass dieser Maßstab erst jetzt angelegt wird. Vor gar nicht allzu langer Zeit nämlich war es auch noch „weltweit sozial akzeptiert“, dass Frauen vieles nicht durften, was für Männer selbstverständlich war – etwa Hosentragen, Rauchen, Studieren, Wählen, Geld verdienen, Führungspositionen nach Quoten besetzen. Wer weiß, wie unsere Gesellschaft heute aussähe, wären „Sitten“ und „soziale Akzeptanz“ immer schon ausschlaggebende Kriterien politischer Entscheidungsfindung gewesen…

P.S.: Die „Komikernation“ – eine gute Analyse dieses Merkel-Begriffs findet sich übrigens hier – des 19. Jahrhunderts war übrigens in gewisser Weise das revolutionäre Frankreich.