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„Privat vor Staat“ kann auch nach hinten losgehen…

Screenshot vom privatschulen-schwarz.de, Betreiber der „Ersten Privaten Fachoberschule Schweinfurt“, Stand 01.07.2013

So wirbt üerzeugend wirbt man für „Privat vor Staat“ im Bildungssektor: Screenshot der Seite http://privatschulen-schwarz.de, dem Betreiber der „Ersten Privaten Fachoberschule Schweinfurt“ (Stand 01.07.2013).

„Privat vor Staat“ kann auch nach hinten losgehen… Und zwar auch im selbsternannten Laptop-Lederhosen-Land -Freistaat, dessen Bewohner kaum jemals müde werden, ihre grandiose Überlegenheit in Sachen Bildung und Unternehmertum vor mit einem „kultischen Schauverlangen“ vor sich herzutragen wie ansonsten nur ein eventuell leicht angetrunkener Dorfpfarrer seine Monstranz bei einer oberbayerischen Fronleichnamsprozession .

In krassem Kontrast zu dieser altbekannten Attitüde berichtet SPIEGEL ONLINE jedenfalls von folgender (im Goethe’schen wie auch im modernen Sinne) „unerhörten Begebenheit“:

Der gesamte Abi-Jahrgang einer privaten Fachoberschule in Schweinfurt ist bei der Abschlussprüfung durchgefallen. […] Die Private Fachoberschule Schweinfurt war 2011 gegründet worden. Medienberichten zufolge machen Schüler und Eltern der Schule nun Vorwürfe. [Ach
tatsächlich?! :0 Red.] Sie zahlen pro Monat 140 Euro Schulgeld plus Anmeldegebühr.“
Schule in Schweinfurt: Gesamter Jahrgang fällt beim Fachabi durch

Bravo, Bayern! Freilich noch unglaublicher liest sich die Sache beim „Fakten-FOCUS“:

„In den schriftlichen Prüfungen habe die komplette Klasse in drei Kernfächern – Mathematik, Technik und Betriebswirtschaftslehre – mit der Durchschnittsnote 6 [sic] abgeschnitten“
Kompletter Abitur-Jahrgang fällt durch: „Sie wussten selbst keine Antworten auf unsere Fragen“

„Durchschnittsnote 6“ – da fragt man sich gleich, was es damit auf sich haben kann? Der Durchschnitt ist bekanntlich ein Mittelwert – d.h., dass „man aus zwei oder mehr Zahlen eine weitere berechnet, die zwischen [sic!] den gegebenen Zahlen liegt.“ Um auf eine „Durchschnittsnote 6“ zu kommen, müsste es daher auch Werte geben, die höher liegen als 6. Nun gibt es, wie jeder Schüler weiß bzw. ehemalige Schüler sich erinnern können müsste, bei der Note 6 kein „Minus“: Die deutsche Notenskala, die allem noch so penetranten freistaatlichem „Mir san mir“-Getue zum Trotz selbst an boarischen Fochowaschuin gilt, ist, anders als die Richterskala, nun mal definitiv nicht „nach oben offen“. Eine 6 ist, nicht nur metaphorisch, sondern auch faktisch „das Allerletzte“; eine 6 ist eine 6 ist eine 6 wie eine Rose eine Rose eine Rose ist.

Eine „Durchschnittsnote 6“ kann also nur erreicht werden, wenn ausnahmslos alle der 27 Abiturienten die Note 6 erhalten haben – in dem Fall ist es aber unsinnig, überhaupt von einer „Durchschnittsnote“ zu reden.

Freili‘, womöglich ist man hier der Übertreibung eines Durchfallenden aufgesessen, der seine eigene 6 mit der Behauptung, er liege voll im Durchschnitt, nur ein wenig aufhübschen wollte – denn wie der Bayerische Rundfunk zwar nicht on air, aber immerhin online wissen ließ, geht die Skandal-Meldung von der „Durchschnittsnote 6“ letztlich wohl auf eine „Aussage von Schülern“ zurück:

“Nach Aussage mehrerer Schüler hat die Klasse in den schriftlichen Fächern in drei Kernfächern mit der Durchschnittsnote 6 abgeschnitten. Ihre durchschnittlichen Noten hätten in drei Kernfächern bei etwas über null Punkten gelegen.”
Hilfe für Abi-Klasse: Durchgefallene Schüler können auf staatliche FOS

Wenn also die von Punkten in Noten umgerechnete Durchschnittsleistung tatsächlich bei 5,9x gelegen haben sollte, ist die Formulierung „Durchschnittsnote 6“ vielleicht gerade noch akzeptabel… 😉

Aber im ganz Ernst: Immerhin 140€ pro Monat zahlten Eltern bzw. erwachsene Schüler an die Fochowaschui, die zwar „staatlich genehmigt“ ist, nicht jedoch „staatlich anerkannt“. Was soll eigentlich diese verwirrende Terminologie, die für die meisten potenziellen „Verbrauchern“ (so muss man sie ja wohl nennen) von Privatschulleistungen kaum ad hoc nachvollziehbar sein dürfte?

“Was die Abschlüsse an privaten Schulen betrifft, unterscheidet der bayerische Staat zwischen ”anerkannten“ und ”genehmigten“ Ersatzschulen. Staatlich anerkannte Schulen können staatliche Abschlüsse wie das Abitur oder die Mittlere Reife selbst vergeben. Staatlich genehmigte Schulen dürfen dies nicht – ihre Schüler müssen diese Abschlüsse in externen Prüfungen erwerben. Bei einem Schulwechsel muss deshalb eine Aufnahmeprüfung abgelegt werden.”
Privatschulen: Der Run auf die freien Schulen

Zwei Oberstufenjahre an dieser Schule, die also schon rein formal bloß eine zweiter Klasse ist, kosten also 3360 € an Monatsgebühren; hinzu kommen eine einmalige Anmeldegebühr von 10 € und eine jährlich im Oktober fällige Gebühr für „Verwaltungsarbeiten“ von 40 €. Unterm Strich also die nicht unerkleckliche Summe von 3450 € (für AfD-Sympathisanten: 6747,61 DM). Und das für eine offenbar völlig unzureichende Vorbereitung auf eine Abiturprüfung an, die man bei Vater (Frei-) Staat in mindestens gleicher Qualität „umsonst“ (d.h. als Gegenleistung für die ohnehin zu entrichtenden allgemeinen Steuern und Abgaben) bekommen hätte.

Und dabei hatte der Bayerische Rundfunk in dem im vorletzten Absatz bereits zitierten Beitrag noch äußerst wohlwollend über die „freien Schulen“ berichtet:

„Der Run auf die freien [sic] Schulen
Privatschulen werden immer beliebter. In Bayern besucht laut Verband Deutscher Privatschulverbände schon [sic] jeder siebte bayerische Schüler eine solche Einrichtung. Laut bayerischem Kultusministerium sind bereits 12,7 Prozent der Schulen in freier Trägerschaft. Familien melden ihre Kinder an einer privaten Schule an, um ihnen eine möglichst gute Startposition ins Berufsleben zu sichern. Es gibt viele Gründe, warum sich Familien für eine private Schule entscheiden: der Wunsch nach einer konfessionellen Ausrichtung, der nach Reformpädagogik, der ausgezeichnete Ruf einer Schule oder aber die Sorge, das Kind könnte irgendwann den Sprung aufs Gymnasium nicht schaffen. Dem staatlichen Bildungsangebot stellen diese Eltern meist ein schlechtes Zeugnis aus. Nicht allein die vermeintlich [na, immerhin] besseren Chancen für ihre Kinder machen die Privaten so attraktiv für Eltern: Nach Angaben der Schulen sind es ebenso die Ganztagsangebote, kleinere Klassen, motivierte Lehrer, bessere Ausstattung, individuelle Betreuung und ein an der Begabung des Kindes ausgerichteter Unterricht. Hinzu kämen ein Mitspracherecht der Eltern, ein gutes Schulklima und vor allem überzeugende pädagogische Konzepte, die das Kind in den Mittelpunkt stellen oder alternative Lernmethoden, die sich an Erkenntnissen der modernen Lernforschung ausrichten.

Nach so viel kaum verhohlener Lobhudelei muss natürlich, das ist man dem Berufsethos schon schuldig, zumindest pro forma ein klein wenig Wasser in den Wein gegossen werden:

“Das Schulgeld kann allerdings – je nach privatem Schultyp – monatlich einen zwei- bis vierstelligen Eurobetrag kosten. Manche Bildungsforscher reden bei den Privatschulen von ”Klassenschulen“, die sich zunehmend für die soziale und ökonomische Elite etablieren und den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsabschlüssen verfestigen.”

Schon irgendwie bedenklich, nicht wahr? Aber nicht doch, der Staat kann es laut BR doch auch nicht besser, denn gleich darauf erfahren wir:

“Auf der anderen Seite kann der Staat hierzulande keine besonderen Erfolge bei der Beseitigung der Bildungsbenachteiligung bestimmter sozialer Schichten vorweisen. So attestierten mehrere OECD-Studien dem deutschen Schulsystem einen auffälligen Zusammenhang zwischen Bildungschancen und sozialer Herkunft. ”

Na, dann eben gleich privat…! 😉

“Begriffe wie ”Motivation“ und ”individuelle Förderung“, die an Privatschulen hervorgehoben werden, treiben viele Eltern in Privatschulen. Eltern wollen ihrem Kind auf einer Privatschule in erster Linie eine andere Bildung ermöglichen. Eine andere Bildung mit anderen Lernformen, die am Kind und seinen individuellen Fähigkeiten ausgerichtet sind, praktizieren insbesondere die reformpädagogischen Schulen, die – neben den kirchlichen Privatschulen – den größten Zulauf haben.”
Privatschulen: Der Run auf die freien Schulen

Und wenn man Pech hat eben auch „eine andere Bildung mit anderen Lernformen“, die sich als vollkommen wertlos herausstellen. Als gäbe es nicht bereits genug Beispiele dafür, dass das gebetsmühlenhafte „Privat vor Staat“ eben nicht nur im Gesundheits-, sondern auch im Bildungssystem gerade diejenigen zu Gelackmeierten macht, die der Meinung sind, sie könnten oder müssten sich an der ach so schlimmen „Masse“ vorbei eine Abkürzung zum Glück erkaufen. Trauriger wird das ganze noch dadurch, dass es hier in der Regel nicht erwachsene Menschen trifft, sondern Jugendliche, die jetzt dafür büßen dürfen, dass ihre Eltern sich von den „Privat-vor-Staat“-Predigern Flöhe ins Ohr setzen ließen.

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