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Paul Krugman: Das „Wolkenkuckucksheim“ der schwäbischen Hausmänner

Der keynesianische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Paul Krugman hat einen interessanten Blogbeitrag für die New York Times geschrieben, in dem er den nicht nur an deutschen Stammtischen, sondern leider auch in der Politik verbreiteten Irrglauben angreift, Ursache der angeblichen Eurokrise sei übermäßige Staatsverschuldung – und Vermeidung weiterer Staatsverschuldung um jeden Preis daher zwangsläufig die richtige Lösung. Im Folgenden ein Übersetzungsversuch:

Martin Wolf berichtet über einen Brief, den er von Ludger Schulknecht erhalten hat, dem Leiter der Abteilung „Finanzpolitische und volkswirtschaftliche Grundsatzfragen, Internationale Finanz- und Währungspolitik“ im Bundesfinanzministerium. 1

Betrachtet man das im Zusammenhang mit einer Rede, den der deutsche Vertreter in der EZB gerade in Riga gehalten hat 2, ergibt sich ein geradezu angsteinflößendes Bild. Grundsätzlich scheint es, dass hochrangige deutsche Beamte im Wolkenkuckucksheim leben, während der Euro gerade auf eine kritische Weichenstellung zusteuert.

Ich weiß, dass sich dieser Ausdruck normalerweise auf den Zustand eines naiven Optimismus bezieht – mithin nicht gerade etwas, das man üblicherweise mit deutschen Beamten in Verbindung bringt. Aber wenn man den Begriff weiter fasst, könnte er auch bedeuten, dass man – entgegen aller Evidenz – daran glaubt, dass die Welt so ist, wie man sie gerne hätte, und sein Handeln auf diesen falschen Glauben stützt.

Der Mann aus dem Finanzministerium behauptet also, dass die Euro-Krise durch eine unverantwortliche Finanzpolitik und insbesondere durch „kurzfristiges Denken“ verursacht worden sei – das Gegenmittel besteht dann wohl aus langfristig unverantwortlicher Finanzpolitik plus Strukturreformen, was sich angeblich noch nie als falsch erwiesen hätte.

Da kann man nur noch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Man muss schon absichtlich blind sein, um nicht zu wissen, dass es private – und nicht etwa öffentliche – Verschuldungsexzesse waren, welche die Probleme in Spanien und Irland verursacht haben. Und nirgends – nicht einmal in Griechenland – hatten keynesianische Versuche, die Wirtschaft anzukurbeln, auch nur das geringste mit der Krise zu tun. Und was „verantwortungsvolle Finanzpolitik plus Reformen“ als Lösung für die Art von Problemen, mit der wir es jetzt zu tun haben – nämlich massive reale Überbewertung 3 durch einen festen Wechselkurs – so wäre es richtiger zu sagen, dass das noch nie funktioniert hat. Wie Wolf sagt – man muss sich nur Argentinien ansehen. 4

Und was Herrn Asmussen betrifft: Ich habe bereits darüber geschrieben, dass es außerordentlich unlogisch ist zu behaupten, dass die teilweise Erholung von einem Konjunktureinbruch, der mit der Weltwirtschaftskrise vergleichbar ist, die Sparpolitik rechtfertigt.

Das alles macht ganz schön Angst. Wenn Spitzenbeamte in Deutschland selbst jetzt noch so sehr von der Wirklichkeit abgekoppelt sind, welche Chance hat dann Europa?

Quelle: Wolkenkuckucksheim – NYTimes.com.


  1. Krugman bezeichnet den Autor des Briefs im Original ohne Namensnennung irrtümlich als „the Director General of the German Finance Ministry“. Ich habe stattdessen die korrekte Amtsbezeichnung und zusätzlich den Namen eingefügt. 

  2. Jörg Asmussen

  3. Siehe Reale Falschbewertung. An dieser Stelle liegt m.E. die Achillesferse von Krugmans Argumentation – nämlich die Frage anhand welcher Kriterien kann man tatsächlich davon sprechen, dass ein in einem „Krisenstaat“ erwirtschafteter Euro gegenüber einem in einem „Nicht-Krisenstaat“ erwirtschafteten „überbewertet“ ist. Das tut aber der Problembeschreibung keinen Abbruch – nämlich dass eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik Ursache, zumindest aber keine Lösung der Schuldenkrise sei. 

  4. Siehe Argentinien-Krise

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