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Orwell, Shakespeare und Beschneidung, oder: Der Mann als vernachlässigtes Schutzobjekt?

Bekanntlich sind alle „Menschen gleich“ – aber wie George Orwell in Animal Farm beschrieb, kommt es wieder immer wieder vor, dass einige eben „gleicher sind als gleich“ sind. Das war eine Anspielung auf die Ungleichheit von Arbeitern und Apparatschiks in der stalinistischen Sowjetunion, die sich bekanntlich die Gleichheit auf die Fahnen geschrieben hatte. Dennoch ist die Frage, wer wann gleich mit wem zu behandeln ist, auch und gerade in liberalen Rechtsstaaten oft sehr diffizil. Wer von einer bestimmten, in die Kritik geratenen Ungleichheit profitiert, ist schnell mit dem Vorwurf der „Gleichmacherei“ zur Hand.

Tatsächlich gibt es neben dem Gleichheits- auch einen Differenzierungsgrundsatz: Demnach ist zwar „gleiches gleich“, aber „ungleiches ungleich“ zu behandeln. Doch woran bemisst sich, dass etwas so ungleich ist, dass es die Ungleichbehandlung verschiedener Personengruppen rechtfertigt? Es ist immer wieder aufs Neue verblüffend, wie sehr wir daran gewöhnt sind, dass die Teilamputation von Genitalien unterschiedlich betrachtet wird, je nachdem, ob sie an weiblichen oder männlichen Personen vollzogen wird. Sind die Formen der Beschneidung tatsächlich so ungleich, dass hier eine ungleiche Behandlung von Frauen und Männern gerechtfertigt ist – obwohl wir uns hier auf einem der klassischen Felder bewegen, auf dem für die Schaffung von Gleichheit gefochten wird?

Natürlich sind die meisten Varianten der Genitalverstümmelung bei Frauen und Mädchen grausamer und beeinträchtigen Gesundheit und Sexualität der Opfer weitaus stärker als die „männliche“ Variante. Trotzdem ist unbestreitbar, dass es sich auch bei dieser um einen zwangsweisen, medizinisch unbegründeten und vor allem irreversiblen Eingriff in die körperliche Integrität eines Individuums handelt.

Nun gehen selbst die entschiedensten Gegner und Gegnerinnen der Beschneidung von Jungen nicht so weit, diese Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit bestrafen zu wollen oder sie auch nur öffentlich zu kritisieren, sofern sie mit Einwilligung des „Patienten“ geschieht. Als Richtwert für das Alter, ab dem eine solche Einwilligung gegeben werden kann, wird in der Diskussion meist 14 Jahre genannt – das Alter, mit dem die uneingeschränkte Religionsmündigkeit eintritt.

Man könnte darüber streiten, wie sinnvoll dies ist – schließlich stehen Kinder auch in diesem Alter noch in einem wirtschaftlichen wie emotionalem Abhängigkeitsverhältnis von den Eltern; durch mehr oder minder sanften Druck der Familie dürften sie sich daher durchaus dazu bewegen lassen, nicht in dem Maße von ihrer Mündigkeit Gebrauch zu machen, in dem es ihnen der Gesetzgeber eigentlich zugesteht („Wie, du willst nicht zur Firmung gehen? Aber ein neues Smartphone darf es trotzdem sein?!“).

Nun mag man das hinnehmen, wenn es um vergleichsweise banale, letztlich rein äußerliche Dinge wie den Besuch des Religionsunterrichts oder sonntägliches Frühaufstehen geht. Hier kann man wohl durchaus zu dem Schluss kommen, dass es ein geringeres Übel ist, wenn Kinder derartiges erdulden müssen, als wenn der Staat die Religionsfreiheit der Eltern einschränkt. Ob es aber sinnvoll ist, die juristische Fiktion der Nicht-Heteronomie schon in diesem Alter auch im Hinblick auf eine für den Rest des Lebens irreversible Körperverletzung aufrechtzuerhalten, sei an dieser Stelle dahin gestellt.

Meines Wissens hat aber in dieser Debatte noch niemand in Frage gestellt, dass wenigstens volljährige Männer das Recht haben sollten, sich einen Teil ihres Geschlechtsorgans amputieren zu lassen. Das wäre auch kaum noch, wie es heute heißt, „darstellbar“ – immerhin musste im Falle des „Kannibalen von Rotenburg“ sogar das Bundesverfassungsgericht klären, inwieweit die Willenserklärung eines erwachsenen Menschen zur vollständigen (!) Penisamputation von Belang ist…

Soweit also alles klar? Ab 18 geht so ziemlich alles? Weit gefehlt: Während nämlich bei männlichen Kindern schon religiöse Wahnvorstellungen und der Wunsch nach Gruppenzugehörigkeit der Eltern als Legitimation für eine Zwangs-Amputation ausreichen sollen, ist bei erwachsenen Frauen selbst der erklärte eigene Wille nicht als hinreichende Legitimationsgrundlage anzusehen.

Zu diesem Schluss jedenfalls kommt die Juristin Sandra Mauer in ihrer 2008 in Würzburg eingereichten Dissertation „Die“ Frau als besonderes Schutzobjekt strafrechtlicher Normen.1 Darin befürwortet sie nach einer (freilich etwas knapp und apodiktisch erscheinenden) Güterabwägung die Regelung der US-Bundesstaaten Illinois, Minnesota, Rhode Island und Tennessee, in denen female genital mutilation selbst dann verboten bleibt, wenn eine erwachsene Frau diese ausdrücklich wünscht:

„Hierdurch ist die Frau vor direktem und indirektem Zwang geschützt, der selbst im Erwachsenenalter in bestimmtem Ausmaß auf sie ausgeübt werden kann. Durch diesen absoluten Schutz vor Genitalverstümmelung wird ihr aber gleichzeitig die Freiheit genommen, sich einer Beschneidung zu unterziehen, wenn sie eine autonome Entscheidung hierfür getroffen hat. Demnach ist in diesem Fall zu unterscheiden, welches Rechtsgut schützenswerter ist. Dabei steht die Möglichkeit, als erwachsene Frau eine autonome Entscheidung zu treffen, dem Schutz der körperlichen Integrität vor Selbstverstümmelung gegenüber.
Grundsätzlich sollte jeder Mensch selbst über sich und seine körperliche Integrität entscheiden können. Im vorliegenden Fall muss bedacht werden, dass die vermeintlich autonome Entscheidung der Frau auf der Grundlage einer unaufgeklärten Erziehung basiert. Konsequenterweise ist in diesem Fall die körperliche Integrität von erwachsenen Frauen zu schützen und die Genitalverstümmelung ohne Altergrenze [sic] zum Schutz der Frau unter Strafe zu stellen“ (S. 179, Herv. d. Verf.).

Einige andere Bundesstaaten betrachten die Verstümmelung rechtlich nicht als Körperverletzung, sondern als sexuelle Handlung – das allein ist schon bemerkenswert. Daraus ergibt sich logisch, dass die Verstümmelung mit dem Eintreten des age of consent – also des Alters, ab dem Individuen ihre Einwilligung zu sexuellen Handlungen geben dürfen und das in den betreffenden Staaten eben bei 16 liegt – nicht mehr strafbar ist.

Mauer kritisiert diese Regelung, wobei sie sich freilich gar nicht erst auf eine Diskussion darüber einlässt, inwieweit es sinnvoll ist, FGM tatsächlich als „sexuelle Handlung“ und nicht als Körperverletzung aufzufassen. Statt dessen stellt sie direkt auf die Frage der Einwilligungsfähigkeit ab:

„Problematisch ist dabei, dass auch nach dem 16. Lebensjahr die Minderjährigen noch stark formbar und beeinflussbar sind. Besonders Eltern, die selbst mit diesen Bräuchen und Ritualen aufgewachsen sind, können auf ihre Kinder auch nach dem 16. Lebensjahr Einfluss ausüben. Damit ist ein Grund für die Versagung des Schutzes für Minderjährige ab 16 Jahren nicht ersichtlich“ (S. 179, Herv. d. Verf.).

Nota bene spricht Mauer ganz generell von „Kindern“ und „Minderjährigen“ – nicht etwa nur von Mädchen. Offen bleibt an dieser Stelle, ob und wie die amerikanischen Gesetzgeber eine entsprechende Begründung für die Einschränkung der betreffenden Normen auf Mädchen und Frauen rechtfertigen würden, wenn sie denn eine liefern müssten – und wie sich die Autorin dazu stellen würde (was bekanntlich nicht der Fall ist, da die Beschneidung von Jungen dort bisher kaum hinterfragt wird).

Jedenfalls wirft dies auch für die zwischenzeitlich eingeschlafene deutsche Diskussion über das Thema Beschneidung relevante Fragen auf. Inwieweit lässt es sich rechtfertigen, die vor allem im afrikanischen Raum beheimatete islamische Praxis der (weiblichen) Genitalamputation als Folge „unaufgeklärter Erziehung“ zu betrachten – nicht jedoch die islamische, jüdische und puritanische Praxis der (männlichen) Genitalamputation?

Fällt der Aspekt der „unaufgeklärten Erziehung“ und der unterstellten Unfähigkeit von Individuen, selbst im Erwachsenenalter über die eigene körperliche Integrität zu entscheiden, in Bezug auf männliche Opfer bloß deshalb weniger ins Gewicht, weil deren Verstümmelung meist weniger brutal erscheint als die weiblicher Opfer? Bleibt nicht eine Amputation an den Genitalien unter Zwang eine Amputation an den Genitalien unter Zwang, ganz gleich wie gravierend oder (vermeintlich) geringfügig? Frei nach Shakespeare gefragt: If you mutilate us, do we not bleed? Mag sein, antworten da die FreundInnen der Welt, so wie sie ist: Ihr blutet gleich, aber die armen Mädchen bluten gleicher.


  1. Sandra Mauer, “Die” Frau als besonderes Schutzobjekt strafrechtlicher Normen: ein Rechtsvergleich zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Bundesrepublik Deutschland. Berlin: Logos Verlag, 2009. Google Books 
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