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Für oder gegen Beschneidung? Kommt ganz drauf an…

Tja, Hektik und Stress bestimmen unseren Lebensalltag, wie schon die Werbung für ein Magen-Medikament schon vor Jahrzehnten wusste. Auch und gerade den eines Online-Redakteurs. Da kann einem schon mal der ein oder andere Vertipper unterlaufen, womöglich gar einer der Freud’schen Sorte.

Da ist man im medialem Hintergrundsound jahrelang mit dem Problem der Beschneidung weiblicher Genitalien konfrontiert, einem je nach Variante unvorstellbar grauenhaften Ritual, das in einigen animistisch geprägten islamischen Gesellschaften in einem Teil Afrikas noch üblich ist, aber – auch dank des Einsatzes von Rüdiger Nehberg – von islamischen Autoritäten qua Fatwa geächtet wird (Ja ja, eine Fatwa ist nicht zwangsläufig ein Todesurteil…). Nehberg verwies einfach auf Sure 95 Vers 4 (Wir haben den Menschen in schönster Gestaltung erschaffen), wonach sich jedes routinemäßige Herumschneiden eigentlich von selbst erübrigen sollte.

Obwohl die Beschneidung von Frauen also ohnehin von vornherein auf eine entfernte Region begrenzt ist, in denen die Menschen ohnehin permanent von Gewalt und Hunger bedroht sind (was sie für die Opfer wohlgemerkt nicht besser macht!), war das Thema spätestens seit dem Ausbruch der Islam-Hysterie nach dem 11. September 2001 ständig in den deutschen Medien präsent, wurde mit angstbesetzten Schlagworten wie „Terror“, „Burka“, „Parallelgesellschaften“ und „Zwangsheirat“ in eine ständig am Köcheln gehaltene Skandal-Suppe gerührt.

Dazu beigetragen hat wohl auch, dass eine Aktivistin wie Ayaan Hirsi Ali sich im Westen nicht nur vehement gegen Beschneidung in ihrer fernen Heimat aussprach – sondern gegen den Islam insgesamt in einer Weise polemisierte, die Paranoikern jeglicher Couleur in Politik und Medien wunderbar gelegen kam. So haben Ali und andere zumindest zugelassen, dass per se vollkommen legitime Anliegen des Humanismus – nämlich die Kritik an Religionen und ihren teilweise zutiefst inhumanen Praktiken wie der Genitalverstümmelung – in den Dienst einer Bewegung gestellt wurden, die ihrerseits inhuman ist und für die die Werte der Aufklärung und Toleranz nur solange gelten, wie sie sich gegen „das Fremde“ ins Feld führen lassen. Dass Ali jüngst gar ein gewisses Verständnis für Anders Breivik durchblicken ließ, rundet dieses hässliche Bild ab.

Egal also, ob man ganz rechts im Namen des Fortschritts gegen Fremde hetzt, ganz links vulgärmarxistische Religionsschelte betreibt, oder in der selbst erklärten Mitte gesamtgesellschaftliche Gemütlichkeit predigt – dass man schlicht nur dagegen sein kann, sobald das Schlagwort „Beschneidung“ auftauchte, verstand sich bisher quasi von selbst.

So erklärt sich vielleicht auch der klitzekleine Fehler, der Spiegel Online gerade bei der Berichterstattung über jene denkwürdige Bundestagsresolution (PDF) unterlaufen ist, die sich nun plötzlich und für unsere Denkgewohnheiten einigermaßen unerwartet für die Genitalbeschneidung ausspricht – jedenfalls solange davon nur, wie Renate Künast es doppelt abgesichert formulierte, „männliche Knaben“ betroffen sind. (Nachzuhören u. a. ab Minute 2:30 in Peter Zudeicks Wochenrückblick vom 21.07.2012 (MP3).)

Schauen wir uns den vielsagenden Fehler an, der sich in eine SPON-Meldung vom 19.07.2012 eingeschlichen hat und jedenfalls bis zum 22.07.2012 noch nicht korrigiert wurde:

Wie, daran fällt doch nichts weiter auf? Dann bitte einmal ganz genau hinsehen – und auf den in der Kopfleiste des Browsers erscheinenden HTML-Titel achten:

Aber vielleicht ist das auch gar kein Flüchtigkeitsfehler, sondern Absicht? Schließlich hat sich der Bundestag ja tatsächlich einerseits für und andererseits gegen die Beschneidung nicht einwilligungsfähiger Säuglinge und Kleinkinder ausgesprochen: Die „Beschneidung männlicher Kinder“ sei nun mal „nicht vergleichbar“ mit der weiblichen Beschneidung „Genitalverstümmlung, die der Deutsche Bundestag verurteilt.“

Sicher haben die Abgeordneten aber eine nachvollziehbare Begründung für diese Nicht-Vergleichbarkeit? Klar haben sie die: Die Beschneidung von Jungen werde nun mal „weltweit sozial akzeptiert“, während die von Mädchen „sittenwidrig“ sei (PDF).

Da haben die Frauen in Deutschland aber Glück, dass dieser Maßstab erst jetzt angelegt wird. Vor gar nicht allzu langer Zeit nämlich war es auch noch „weltweit sozial akzeptiert“, dass Frauen vieles nicht durften, was für Männer selbstverständlich war – etwa Hosentragen, Rauchen, Studieren, Wählen, Geld verdienen, Führungspositionen nach Quoten besetzen. Wer weiß, wie unsere Gesellschaft heute aussähe, wären „Sitten“ und „soziale Akzeptanz“ immer schon ausschlaggebende Kriterien politischer Entscheidungsfindung gewesen…

P.S.: Die „Komikernation“ – eine gute Analyse dieses Merkel-Begriffs findet sich übrigens hier – des 19. Jahrhunderts war übrigens in gewisser Weise das revolutionäre Frankreich.

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