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Claus Leggewie…

… hatte vor Jahren eigentlich schon alles zur gerade wieder aufflammenden Debatte um »Integration« gesagt, die damals eher unter der ebenso diffusen Überschrift »Leitkultur« geführt wurde.
Nämlich folgendes:

[…] Migrationsforscher gingen [früher,
TM] von einer in drei Generationen abgeschlossenen Angleichung aus, doch zeigt sich heute, dass ethnische Gruppen homogene und endogame Enklaven über längere Zeiträume aufrechterhalten. Sprachinseln und religiös-kulturelle Vereine helfen ImmigrantInnen bei der (Binnen-)Integration, werden von der Mehrheit aber oft als „Parallelgesellschaften“ skandalisiert.

Der Begriff der Leitkultur […] ist ein defensiver Mobilisierungsbegriff, der oft nur einen „Herr im Hause“-Standpunkt anzeigt: „Gäste“ haben sich den Sitten und Gebräuchen der „Gastgeber“ anzupassen. Das übersieht, dass viele ImmigrantInnen Vollbürger sind (oder Mitbürger mit gefestigtem Aufenthaltsstatus). Ebenso verkannt wird, dass nichtreligiöse Gemeinwesen im Rahmen universaler Menschenrechte Minderheitenschutz und Religionsfreiheit garantieren. Nicht eine „christliche“ oder „deutsche“ Substanz kann als Leitkultur proklamiert und oktroyiert werden.

Verbindlich sind formale Prozeduren wechselseitiger Anerkennung und Toleranz. Kulturelle Vielfalt ist in politischer Gleichheit aufgehoben, das heißt: Identität kann eine kulturelle Gruppe nicht einseitig postulieren, und Integration ist eine gemeinsame bildungs-, sozial- und rechtspolitische Herausforderung.

Die Debatte um die Leitkultur spiegelt die kulturellen Widersprüche der Globalisierung. Wirtschaftlich wird globale Freizügigkeit gefordert, zugleich aber kultureller Protektionismus praktiziert. […]

http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2004/07/12/a0132 (Unterstreichungen TM)

Christian Wulff (kennt sicher nicht jeder: das ist das neue deutsche Staatsoberhaupt) hat in einer branchenüblichen Sonntagsrede ein paar knappe Worte zum Thema Islam von sich gegeben, die man eigentlich als pure Selbstverständlichkeiten abhaken sollte: »Wenn mir deutsche Musliminnen und Muslime schreiben: „Sie sind unser Präsident“ – dann antworte ich aus vollem Herzen: Ja, natürlich bin ich Ihr Präsident! Und zwar mit der Leidenschaft und Überzeugung, mit der ich der Präsident aller Menschen bin, die hier in Deutschland leben. […] [d]er Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.« Allen, die jetzt deswegen auf ihn einprügeln, sollte man Leggewies Worte hinter die Ohren tätowieren. Das gilt insbesondere für »Bild«-Macher und -Leser. Ersteren wird ja meist – und sicher nicht zu Unrecht – vorgeworfen, ihre Leserschaft mit Stammtischparolen aufzuwiegeln. In diesem Fall aber scheint der Stammtisch die Redaktion vor sich her zu treiben: Am Sonntag der Rede wurde in der Online-Ausgabe noch getitelt »Erster großer Test bestanden«; montags dann fragte man schon skeptischer »Wieviel Islam verträgt Deutschland?«, am heutigen Dienstag wird wütend inquiriert »Warum hofieren Sie den Islam so, Herr Präsident?« Denn: »Wütende Bürger schreiben an den Bundespräsidenten«… Garniert wird das ganze mit einer Umfrage, nach der nur 16% der Aussage »hier herrscht Religionsfreiheit« zustimmten , während 84% erklärten, »wir« seien »ein Land mit christlicher Kultur«, an die sich Muslime »besser anpassen« müssten.

Ganz abgesehen davon, dass die erdrückende Mehrheit dieser 84% Verteidiger des Abendlandes kaum in der Lage sein dürfte, auch nur annähernd konkret zu definieren, worin das spezifisch »Christliche« an der deutschen Kultur heute noch bestehen soll (Weihnachtsbäume? Ostereier? Glockengeläut?), seien ihnen Leggewies Worte ins Stammbuch geschrieben: »Wir« sind ein »nichtreligiöses Gemeinwesen«, das Religionsfreiheit garantiert – übrigens auch und gerade negative Religionsfreiheit. Es ist also völlig egal, ob man an Jesus, Allah, an ein Spaghettimonster oder halt – wie tatsächlich wohl die meisten – an gar nichts glaubt; alle genießen selbstverständlich die gleichen politischen Rechte. Und der Bundespräsident ist qua Verfassung ganz automatisch Oberhaupt des Staates aller Staatsbürger, ganz gleich, ob sie ihn gewählt hätten oder nicht, und egal an welchen metaphysischen Mumpitz sie glauben. Dass die Erwähnung dieser selbstverständlichen Tatsache zum Skandal stilisiert wird, ist der eigentliche Skandal.

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