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Thilostan

Thilo Sarrazin meldet sich wieder mal aus seiner Verbannung bei der Bundesbank zu Wort. Nachdem er zuletzt über Menschen geklagt hatte, die »keine produktive Funktion« hätten, »außer für den Obst- und Gemüsehandel« (als würde nicht bekanntlich viel zu wenig Obst und Gemüse gegessen, und als wäre es weniger bedenklich, die Konzentration bestimmter ethnischer Gruppen im Gemüsehandel zu skandalisieren, als selbiges etwa in Bezug auf den Bankensektor zu tun), macht er sich jetzt Sorgen über den kollektiven Intelligenzquotienten der Deutschen, weil die Dummen zu viel ficken es »eine unterschiedliche Vermehrung von Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Intelligenz« gebe.

Yassin Musharbash hat heute in Spiegel Online das Weltbild von Thilo Sarrazin messerscharf wie wohl bisher noch niemand seziert. Sarrazin entwirft ein Land, das Musharbash als »Thilostan« apostrophiert:

Wo Menschen, die „ökonomisch nicht gebraucht werden“, längst „woanders nichts leisten“. Wo es keine türkischen Wärmestuben“ mehr gibt. Wo „Intellekt importiert“ wird, wenn man ihn braucht. Wo „nur noch die Besten“ weiterkommen. Wo der Durchschnitts-Intelligenzquotient endlich wieder steigt, weil man Migranten aus „der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika“ das ständige Fortpflanzen ausgetrieben hat. Wo sehnige, durchtrainierte Arbeitslose im Winter beherzt ihre Pullover überziehen, anstatt zu heizen, und die anderen, die übergewichtigen in den Trainingsanzügen… tja, man weiß nicht so genau, wo die geblieben sind. […]
Thilostan, das ist ein Land mit intellektueller Planwirtschaft, ein mentales Nordkorea, das geistige Produkt eines offenbar noch tief im ideologischen Zeitalter verhafteten Menschen, der glaubt, man könne alles steuern: Intelligenzquotienten, Geburten, Produktivität. Alles schön einfach. Und am Ende sind alle schrecklich glücklich. Bis auf die, die nicht dazu gehören, natürlich.
[…] Warum diese schwiemelige Körperlichkeit, die seine Tiraden durchzieht: Übergewichtige Hartz-IV-Empfänger, höhere Geburtenraten von Türken, zu 80 Prozent vererbte Intelligenz?

»Schwiemelige Körperlichkeit«, darauf muss man erst mal kommen. Sobald es von der Beschreibung des Problems zur Mutmaßung über die Ursachen geht, fällt der Artikel freilich ab. Musharbash vermutet, Sarrazin sei einfach mit der Komplexität der Welt überfordert und greife deshalb zu Vereinfachungen. Na ja. So wenig originell das auch ist, so schwer fällt es, dem etwas entgegen zu halten.

Wenn der Autor dann zu den Konsequenzen übergeht, bleibt er vollends im Nebulösen: »So etwas darf man einem Bundesbank-Vorstand nicht durchgehen lassen.« Nun gut. Die Frage ist aber: Was darf man einem Bundesbank-Vorstand überhaupt durchgehen lassen? Eines der Fundamente, auf dem die Bundesbank einst errichtet wurde, lautete »keine Einmischung der Politik«. Das hat sich jahrzehntelang als richtig erwiesen. (Wie die Europäische Zentralbank als Nachfolgerin die zunehmende Erosion dieses Prinzips überleben wird, bleibt abzuwarten.) Der logische Umkehrschluss lautet aber, dass die Bundesbanker sich aus der Politik herauszuhalten haben. Am allerwenigsten sind sie dazu berufen, sozialdarwinistisch-eugenische Phantasien zu verbreiten. Eine Bundesbank ist schließlich keine Staatliche Hochschule für Gestaltung.

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