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»Islam(o)faschismus«

Zu den liebsten Methoden fremdenfeindlicher Agitatoren, von der eigenen Fremdenfeindlichkeit abzulenken oder sie zu rechtfertigen, gehört die Rhetorik vom »Islam-« bzw. »Islamofaschismus«. Wer gegen »Faschismus« ist, ist ja quasi per se liberal und fortschrittlich und setzt den Gegner automatisch ins Unrecht. Leider können die Anti-Islamisten damit an eine Tradition der weltweiten (und insbesondere der deutschen) radikalen Linken anknüpfen, die gern alles, was ihr – aus guten oder weniger guten Gründen – gerade nicht passt, als »faschistisch« abstempelt oder zumindest als »protofaschistisch« verdächtigt. Schon die Ineinssetzung von italienischem Faschismus mit deutschem Nationalsozialismus ist alles andere als unproblematisch. Durch die inflationäre Verwendung des Faschismusbegriffs ist dieser letztlich immer beliebiger geworden – was nun ausgerechnet der Rechten in die Hände spielt…  Der israelische Soziologe und Historiker Moshe Zuckermann hat dazu 2006 eigentlich alles nötige gesagt:

Das ist ein hanebüchener Ausdruck. Der islamistische Fundamentalismus hat mit Faschismus, betrachtet man die Analysen des Faschismus, die in den 60er Jahren geleistet wurden, gar nichts zu tun. Wenn wir unter Faschismus verstehen, was sich in einer bestimmten Epoche in Italien, Ungarn, Spanien, später dann als Nationalsozialismus in Deutschland in einer radikalisierten Sonderform formierte, so stellt dies etwas ganz anderes dar als die Bewegungen des radikalisierten Islam. Der Islam ist von ganz anderen Momenten angetrieben und hat ganz andere Zielsetzungen. Das hat nichts miteinander zu tun. Man muss schon den Begriff des Faschismus inhaltlich entleeren, um oberflächliche Ähnlichkeiten ausmachen zu können. Will man mit „Islamofaschismus“ nur ausdrücken, dass es sich um den Kult einer monolithischen Ideologie handelt? Dann muss man sich aber dennoch mit der Tatsache auseinandersetzen, islamische Fundamentalismus theokratisch ist, während der Faschismus tendenziell nicht- oder auch antireligiös war. Ich halte diesen Begriff für inhaltsleeres Gerede. Natürlich greifen auch einige europäische Linke das gerne auf, denn was wäre gerade für Linke attraktiver, einen Kampf gegen den „Faschismus“ führen zu können. Der Primat des Staates, wie er im historischen Faschismus eine Rolle spielte, spielt beispielsweise im islamischen Fundamentalismus eher eine untergeordnete Rolle. Oder die Figur des monolithischen „Volksgenossen“ im Nationalsozialismus ist im Islam nicht anzutreffen. Auch die Vorstellung von „Gemeinschaft“ ist im Islam ganz anders als das, was im Begriff der „Volksgemeinschaft“ anklingt.

Auch der Rest des Interviews, aus dem dieses Zitat stammt, ist überaus lesenswert.

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