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Von Oettinger zu Faruk Sen…

Da ist das Geschrei groß, mal wieder: Faruk Sen (SPD) vergleicht die Lage der Türken in Deutschland 2008 mit der der Juden in Deutschland „vor 1945“. Schon ein ziemlich absurder Vergleich, wer würde das bestreiten. Doch die Empörung hat einen unangenehmen Beigeschmack.


Ob Sen entlassen wird (WAZ) oder nur mit „einer Abmahnung rechnen muss“ (NRZ), bleibt abzuwarten; unwahrscheinlich jedenfalls, dass er aus der Nummer im gleichen Job wieder herauskommt. Seine Reputation als Wissenschaftler wird er nicht wieder herstellen können. Aber bei allem berechtigten Kopfschütteln über den Vergleich (bzw. die Gleichsetzung, das wird ja oft verwechselt) muss die Frage erlaubt sein, was dahinter steckt. Was hat Sen nun wirklich gesagt? Mangels türkischer Sprachkenntnisse sind wir darauf angewiesen zu glauben, was die deutsche Presse kolportiert. Zitat NRZ:

Wie berichtet, hatte Sen in einem Artikel in der türkischen Zeitung „Referans“ die Diskriminierung von Türkeistämmigen in Europa mit der Judenverfolgung während der Zeit der NS-Diktatur verglichen. Darin hatte er die Türken als „die neuen Juden Europas“ bezeichnet, die – „wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und unterschiedlichen Erscheinungsformen – wie die Juden diskriminiert und ausgeschlossen“ würden.

So weit, so schlecht. Was Sen zu dieser These bewogen hat, interessiert da weniger – noch schlechter. Dabei kann man es durchaus nachlesen, etwa in der NRZ:

Mit dem Artikel habe er eigentlich gegen Antisemitismus in der Türkei Stellung beziehen wollen, erklärte Sen. Ausgangspunkt seien antisemitische Auswüchse gegen den jüdischen Unternehmer Ishak Alaton in der Türkei gewesen. Mit dem Artikel habe er an die Solidarität der Auslandstürken appellieren wollen, die selbst in einer mitunter schwierigen Situation in Europa lebten.

In der FAZ erfährt man noch einiges mehr. Demnach schrieb Sen,

bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts sei es nicht einfach gewesen, in europäischen Ländern ein Jude zu sein“. Nach einem Rückblick auf die Aufnahme von Juden durch das Osmanische Reich nach 1492 und durch die Türkische Republik zwischen 1933 und 1945 fuhr Sen fort: „Fünfmillionenzweihunderttausend Türken leben in Europa, das durch große Grausamkeiten diesen Kontinent judenfrei zu bekommen versuchte. Sie wurden die neuen Juden Europas. Obwohl unsere Menschen, die seit 47 Jahren in Mittel- und Westeuropa beheimatet sind, 125.000 Unternehmer mit einem Gesamtumsatz von 45 Milliarden Euro hervorgebracht haben, werden sie – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und unterschiedlichen Erscheinungsformen – wie die Juden diskriminiert und ausgeschlossen(Unterstreichungen hinzugefügt).

Sen bezieht sich hier – eigentlich ganz unmissverständlich – nicht auf die Judenvernichtung durch die Nazis, sondern auf den Status als Außenseiter schlechthin, unter dem die Juden in Europa seit dem Mittelalter litten. Eine großangelegte Judenverfolgung etwa konnte es im mit NS-Deutschland verbündeten Franco-Spanien schon deswegen nicht geben, weil die spanischen Juden eben schon 1492 vertrieben worden waren. Das Wort Pogrom stammt nicht zufällig aus dem Russischen. Die französische Öffentlichkeit brauchte Ende des 19. Jahrhunderts keine Beweise, um Alfred Dreyfus Hochverrat anzulasten – äußerst vage Indizien und seine jüdische Herkunft reichten. Offensichtlich ging es Sen weder darum, den Holocaust durch Vergleiche mit (harmlosen?) Brandanschlägen zu „verharmlosen“ (das Totschlagargument schlechthin), noch alarmistischen über einen früher oder später bevorstehenden Völkermord an den europäischen Türken zu phantasieren.

Interessant ist freilich nicht nur was Sen gesagt hat, sondern warum, in welchem Zusammenhang, er es gesagt hat. Dazu heißt es in der FAZ weiter:

Anlass für diesen Kommentar Sens waren antisemitische Vorkommnisse in der Türkei, die sich gegen den bekannten jüdischen Unternehmer Ishak Alaton, Gründer der Alarco Holding, gerichtet hatten. Sen schrieb an die Adresse des Attackierten, der sich […] über Antisemitismus beklagt hatte und anschließend beschimpft und attackiert worden war: „Als europäische Türken können wir Ihre Bedeutung für die Türkei gut einschätzen. Wir, fünf Millionen zweihunderttausend mit gleichem Schicksal in Europa, die neuen Juden Europas, können Sie am besten verstehen. Seien Sie nicht traurig wegen der antisemitischen Tendenzen einiger Gruppen in der Türkei. Als türkisches Volk und als neue Juden Europas unterstützen wir Sie.“

Hier kann nun gar kein Zweifel mehr bestehen, worauf Sen hinaus wollte: Seiner Ansicht nach gleichen sich Juden und Türken darin, dass beide als Minderheiten – trotz ihrer wirtschaftlichen Leistung für die Mehrheitsgesellschaft – ausgegrenzt, diskriminiert, am Fortkommen gehindert, geheimer Umtriebe verdächtigt, und zuweilen eben auch verbrannt wurden oder werden.

Inwieweit das gerechtfertigt ist, darüber kann man natürlich streiten. Aber es ist sicher keine Gleichsetzung mit dem Holocaust.

Nicht zuletzt wollte Sen den Türken offenbar auch ins Stammbuch schreiben: Wie könnt ihr euch eigentlich darüber empören, dass Türken anderswo als Minderheiten verfolgt werden – und gleichzeitig im eigenen Land Minderheiten verfolgen?

Natürlich waren Sens Äußerungen ungeschickt – dass seine an die türkische Öffentlichkeit gerichteten Mahnungen a) früher oder später in Deutschland bekannt werden und b) dort für einen Skandal sorgen würden, hätte er wissen müssen. Aber zu einem Missverständnis gehören immer zwei: Derjenige, der sich missverständlich ausdrückt. Und derjenige, der missversteht – oder missverstehen will.

Und dass man in Deutschland missverstehen will, ist offensichtlich. Denn Sen hat gegen eines der letzten Tabus einer Gesellschaft verstoßen – man vergleicht nicht mit dem Holocaust. Der Holocaust hat die Qualität eines außerhistorischen, metaphysischen Ereignisses. Und die Stichworte „Juden“ und „Holocaust“ sind unauflöslich miteinander verbunden. Der Holocaust wird – die Geschichte rückwärts lesend – als logische, zwingende Konsequenz der europäischen Judenfeindschaft interpretiert. Wer sich zu jüdischen Themen äußert, ist moralisch gehalten, den Holocaust mitzudenken. Wer immer irgendeinen Bezug zwischen der Diskriminierung von Juden und der anderer Gruppen herstellt, sieht sich daher unvermeidlich dem Vorwurf ausgesetzt, den Holocaust zu „verharmlosen“, zu „relativieren“ oder zu „instrumentalisieren“. Dem Holocaust haftet etwas Sakrales an: Man darf ihn nicht sinnlos im Munde führen, für profane Zwecke verwenden; man darf ihn nicht mit anderem vergleichen – „Du sollst keinen Holocaust neben mir haben“. Man darf ihn nicht relativieren – in einer Zeit des Relativismus ist ausgerechnet der Holocaust das letzte Absolutum. Vor allem darf man ihn nicht leugnen – der Holocaustleugner begeht heute eine so ungeheuerliche Schandtat wie früher der Gottesleugner.

Das ist auch der Grund, warum man über die – ja tatsächlich zumindest für solche, die sich mit Genuss irreführen lassen, irreführenden – Äußerungen Sens nicht einfach nur den Kopf schütteln und zur Tagesordnung übergehen wird, wie bei tatsächlichen oder vermeintlichen Unsinnigkeiten zu anderen Themen. Sen hätte behaupten können, die Erde sei flach; er hätte die Evolution in Frage stellen können, er hätte behaupten können, das Mittelalter oder die Mondlandung seien komplett erstunken und erlogen, was auch immer. Er hätte damit seine Reputation als Intellektueller beschädigt, würde nicht mehr ernst genommen. Wer aber flapsige Zusammenhänge zwischen der Diskriminierung von Juden und anderen herstellt, der wird ernst genommen – todernst.

Es müssen nicht mal Juden im verzapften Unsinn vorkommen, wie das Beispiel Günther Oettinger zeigt. Bekanntlich hatte der Hans Filbinger, NSDAP-Mitglied und als Marinerichter für Todesurteile gegen Deserteure verantwortlich, als „Gegner des NS-Regimes“ bezeichnet. Völliger Irrsinn, ohne jede Frage, der durchaus Zweifel am Verstand des Redners aufwirft. Aber mit dem Juden oder dem Holocaust hatte das gar nichts zu tun – Filbingers Todesurteile richteten sich gegen nicht-jüdische deutsche Soldaten. Dennoch musste Oettinger beim Zentralrat der Juden zerknirschte Abbitte leisten – und nicht etwa bei Historikern, die sich professionell mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Widerstands beschäftigen. Ganz so, als wäre diese Institution Fakten- und Gesinnungs-TÜV für sämtliche Äußerungen zu allem, was ’33-45 in Deutschland vorgefallen ist.

Damit freilich erweisen die offiziösen Repräsentanten des deutschen Judentums diesem einen Bärendienst – denn das Beharren darauf, oberste Instanz in allen Fragen des Nationalsozialismus zu sein, reduziert die lange und komplizierte Geschichte der europäischen Juden auf den Holocaust: „Juden, was waren das noch mal für welche? Ach ja, die, die von den Nazis verfolgt wurden“… Dass Juden auch zu anderen Zeiten ihrer Geschichte alles andere als privilegiert waren, wird geflissentlich ignoriert. Der Holocaust wird so zu einem diskursiven Schwarzen Loch, das alles, was zum Thema „Juden“ gesagt wird, in sich hineinfrisst. Mit seinen Äußerungen hat Faruk Sen den Ereignishorizont dieses Schwarzen Loches überschritten. Man kann ihm vorwerfen, dass er unvorsichtig war – in seiner Position hätte sich des fatalen Automatismus seiner, bösen Willen vorausgesetzt, durchaus sehr missverständlichen Ermahnung bewusst sein müssen. Vielleicht ist er deshalb ja wirklich für die Position ungeeignet. Das mag man so sehen. Das eigentliche Problem aber ist das Schwarze Loch, um das jede Erörterung jüdischer Themen und Diskriminierungsgeschichte rotiert und von dem sie letztlich absorbiert wird. Und nicht Faruk Sen.

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